Begleitung in ein anderes
Dasein
durch glühende Saharaschluchten Dank des mystischen Tanzes der
GEDRA
Die Gedra entstand vor langen Zeiten in den befreienden und bedrückenden Weiten der Wüstenheimat. Ihn zu erlernen dauert ein Leben lang. Daher tanzen ihn nur Frauen in der Mitte ihres irdischen Daseins. - Ein Tanz, der bis zur Ohnmacht führen kann, sogar führen soll. - Ein Tanz, der das Jenseits berührt. - Die Klageweiber mit ihren Sterbegesängen sind bereits gegangen, ihre Spuren im Sandwind verweht. Ihre grellenden, alles durchdringenden, Nerven tötenden schrillen Schreie verstummt. Die Umrisse des Dahingeschiedenen, nur sein in ein Tuch gehüllter Körper, schimmern noch durch den Wüstensand. Hier kann man sein Grab nicht in die Tiefe graben. Später wird der Leichnam dann mit Steinen bedeckt seine Ruhe finden. Von allen Seiten kommen die Frauen des Familienclans zusammen. Alle in indigo-blaue Tücher und Umhänge gehüllt. In einem weiträumigen Kreis haben sie nun zur Stille gefunden, hocken im Trauergedenken danieder. Das liebste Dromedar des Verstorbenen ruht am Außenring des Familienkreises und mampft genüsslich in dem Berg der Maiskörner. Tod und Sterben sind dem Tier - noch - fremd! Ganz behutsam, mit einem leisen Summen der ältesten Frauen beginnt dem Jahrhunderte alten Brauchtum der Familiensippe entsprechend der Trauergesang des Abschieds, der Gedra. Sie wiegen ihren Körper in gleichmäßig schwingenden Bewegungen, dem summenden Gesang angepasst, noch langsam hin und her. Schneller und schneller werdend begleitet sie einfühlsam eine Trommel, die Darbuka, dem musischen Hintergrund und der Trauer entsprechend angepasst. Doch der durchbrechende und anwachsende Schmerz über den Verlust des Verstorbenen treibt die wiegenden Körper der blau verhüllten Frauen immer stärker in ausgedehntere Kreise hin und her, bereits ab und an von schrillen Schreien unterbrochen. Dann so schnell, bis der Zuschauer dem nicht mehr zu folgen vermag. Schon fällt eine der in tiefer Trauer Tanzenden aus dem Kreis heraus ohnmächtig um! Folgt sie in dieser abwesenden Ferne möglicherweise dem Dahingeschiedenen? - Man wird sie später befragen. Schneller und schneller kreisen die tanzenden Frauen Ihre Körper im sanften abendlichen Wüstenwind. Noch eine und noch eine der andächtig Betenden verträgt das schnelle Drehen des Oberkörpers, des Kopfes nicht mehr, fällt in Ohnmacht. Der summende Gesang der verbleibenden Gedra-Tänzerinnen wird heftiger und lauter, die Schläge der Darbuka - Trommel aufgeregter. Das Dromedar, am Rande der Tanzenden, hört ahnungsgeplagt auf mit seinem Gelage, obwohl noch viel verlockender Mais vor ihm liegt. - Plötzlich, ein durchdringender Schrei des Tieres! Große Tränen laufen aus seinen Augen! Ein Mann aus der nahen Umgebung springt heran, ein großes Messer in der Hand! - Eine versunkene Pause des andächtigen Wartens! - Ein Schnitt durch die Gurgel des Dromedars - ein letzter röchelnder Schrei des Tieres! Das Dromedar begleitet seinen Herren nun in die ewigen Gefilde des Paradieses! Eine nach der anderen der im tanzenden Gebet versunkenen Frauen fällt im wirren Hin und Her der Köpfe zur Seite um. - Werden sie morgen noch nachempfinden können, was sie in der Nacht der Gedra erlebt haben? - Als Begleiterinnen des Verstorbenen durch die zerklüftete Schlucht der heimatlichen Saharawüste in die Weltenweite der Ewigkeiten?!
Hanjo Weber